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    Arbeitslos, neuer Job, und dann?

    Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik

    Arbeitslos, neuer Job, und dann?

    Aktuelle Studie macht auf finanzielle und psychosoziale Spätfolgen auch bei kurzfristiger Erwerbslosigkeit aufmerksam.

    Erwerbslosigkeit birgt nachwirkende Risiken heute und übermorgen

    Jeder Fünfte abhängig Beschäftigte, das zeigt eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG), war im bisherigen Erwerbsleben schon insgesamt mindestens sechs Monate arbeitsuchend – Erwerbslosigkeit ist im Lebenslauf eine Erfahrung, die weite Kreise der Beschäftigten erreicht. Die Langfristprobleme, die auch mit kurzfristiger Erwerbslosigkeit verbunden sein können, wurden bislang nur unzureichend thematisiert. Die IAG-Studie macht nun auf finanzielle und psychosoziale Spätfolgen aufmerksam.

    Erwerbslosigkeit bedeutet Stress, das wissen wir schon länger. Genauso bekannt ist: Je länger die Erwerbslosigkeit andauert, desto schwieriger ist es, wieder in den erlernten Beruf einzusteigen. Bei der Studie des IAG, des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, steht nun ergänzend die Qualität des Wiedereinstiegs, die Frage nach guter Arbeit nach einer Erwerbslosigkeit im Mittelpunkt. Eine repräsentative Befragung der Erwerbsbevölkerung in Deutschland, von der IAG in Auftrag gegeben, hat abhängig Beschäftigte danach befragt, wie sie die „Auswirkungen von Erwerbslosigkeitserfahrung auf die Qualität und das subjektive Empfinden der aktuellen Tätigkeit“ bewerten. Die Ergebnisse sind schon in Bezug auf das Einkommen signifikant: Das Nettoeinkommen der Befragten, die phasenweise ohne Job waren, fällt nach dem Wiedereinstieg im Durchschnitt um ca. 300 Euro geringer aus als bei Personen, die keine Erwerbslosigkeitserfahrung haben.

    Neben dieser finanziellen Einbuße sind die Betroffenen bei Wiederaufnahme einer neuen Arbeit häufiger befristet beschäftigt, oftmals nicht mehr in der Branche, für die sie ausgebildet wurden; die Chancen eine Führungsverantwortung zu übernehmen sinken ebenfalls.

    Trotz dieser Nachteile beklagen sich die Betroffenen nicht. Das kurzfristige, aktuelle Glück, wieder abhängig beschäftigt arbeiten zu dürfen, wiegt stärker als die zum Teil langfristigen Folgen der beobachtbaren Herabstufungen.

    Soziale Lebenslaufpolitik

    Die Langfristeffekte von Erwerbslosigkeit sind nicht erst auf dem Rentenbescheid ablesbar, sondern schon in der nachfolgenden Arbeit spürbar.

    Wer mehr als einmal erwerbslos war, hat eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, nicht in seinem gelernten Beruf beschäftigt zu sein als Beschäftigte, die nur einmal erwerbslos waren. Je länger die Erwerbslosigkeit dauerte, desto geringer ist anschließend das Nettoeinkommen und desto eher ist man anschließend befristet beschäftigt. Daraus ergeben sich klare Impulse für eine präventiv ausgerichtete Politik.

    ver.di bekräftigt: Wir müssen die Übergänge im Lebenslauf stärker in den Blick nehmen, die klassische Erwerbsbiografie erodiert. Erwerbsunterbrechungen haben unmittelbare und langfristige Folgen für den Einzelnen, die durch eine soziale, gewerkschaftlich gestützte Lebenslaufpolitik abgefedert werden müssen.

    Soziale Ungleichheiten können sich an weichenstellenden Übergängen verstärken. Die IAG-Studie liefert dazu Hinweise, sie zeigt, dass der Bildungsgrad den größten Einfluss auf das subjektive Empfinden, aber auch auf das im Anschluss an eine Erwerbslosigkeit ausgehandelte Nettoeinkommen hat. Soziale Lage, Alter, Geschlecht und Generation/machen ebenfalls einen Unterschied.

    Vulnerable Personengruppen

    Die Effekte auf besonders vulnerable Personengruppen, etwa MigrantInnen und Menschen mit Beeinträchtigung, werden in der IAG-Studie nicht eigens analysiert.

    In diesem Zusammenhang ist die aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung interessant, die auf die eklatanten Zahlen der Altersarmut unter Ausländern hinweist. Ebenso aussagekräftig sind die Ergebnisse der Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die deutlich macht, dass und wie sehr Arbeitslosigkeit in frühen Phasen des Lebenslaufs mit einem deutlich erhöhten Arbeitsmarktrisiko im späteren Erwerbsverlauf einhergeht (IAB Kurzbericht 16/2014; siehe dazu auch sopoaktuell Nr. 186 v. 28.08.2014).

    Lebenslauforientierte Politik muss mit Blick auf die Schwächsten gestaltet werden und die Lebenschancen für alle verbessern. Für Frauen und Männer, Junge und Alte, Menschen, die hier geboren und solche die zugewandert sind, für Menschen mit Beeinträchtigung und Gesunde, für Menschen in Arbeit und jene, die von einem neuen Job nur träumen können.

    Erwerbslosigkeitserfahrung und deren negative Auswirkungen und Nachwehen sind eine sozialpolitische Herausforderung, die eine soziale und solidarische Lebenslaufpolitik auf den Plan ruft, die Arbeitsschutz- und Arbeitsmarktpolitik konzeptionell verknüpft.